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Relaunches scheitern am Übergang, nicht am Design

von Andreas Rüdiger · Gründer & Technik-Redaktion

Zuletzt aktualisiert: · 7 Min. Lesezeit

Zwei Website-Versionen mit Pfeil dazwischen, der auf typische Übergangsprobleme hinweist
Inhaltsverzeichnis

Ein Website-Relaunch wird oft als Chance wahrgenommen, endlich moderner auszusehen. Die meisten Schäden entstehen aber nicht durch das neue Design, sondern durch das, was beim Übergang übersehen wird. Die entscheidende Frage ist nicht, wie die neue Website aussehen soll, sondern welche Funktionen der alten Website bewusst oder unbewusst geschäftskritisch sind – und wie sichergestellt wird, dass sie im neuen System funktionieren.

Der Unterschied zwischen Relaunch und Redesign

Ein Redesign ändert das Erscheinungsbild. Ein Relaunch ersetzt Technik, Struktur und oft Inhalte. Viele Auftraggeber beauftragen ein Redesign und erhalten einen Relaunch, ohne dass die Konsequenzen besprochen werden. Die neue Website entsteht auf einem anderen System, mit anderer URL-Struktur, anderen Plugins und anderen Arbeitsabläufen. Was vorher funktionierte, muss nicht automatisch weiterlaufen.

Der erste Schritt ist die bewusste Entscheidung: Brauchen wir eine neue Technik, oder wollen wir nur anders aussehen? Wer nur das Design wechseln möchte, sollte sich gegen einen vollständigen Systemwechsel entscheiden. Wer dennoch umsteigen muss – weil das alte System nicht mehr gepflegt wird oder die Wartungskosten explodieren – sollte den Relaunch als Migration mit Gestaltung begreifen, nicht als Neuanfang.

Inventur der bestehenden Website: Was läuft, was liefert, was fehlt

Bevor irgendeine Agentur ein Konzept schreibt, muss der Betreiber wissen, was die aktuelle Website tatsächlich leistet. Das beginnt mit einer systematischen Bestandsaufnahme:

Geschäftskritische Seiten und Funktionen: Welche Seiten werden am häufigsten aufgerufen? Welche Formulare generieren Leads? Welche Downloads werden angefordert? Welche internen Tools oder Rechner nutzen Besucher regelmäßig? Viele Unternehmer kennen die Antworten nicht, weil sie die Website seit Jahren nicht mehr aktiv analysiert haben.

Versteckte Abhängigkeiten: Läuft auf der Website ein Rechner, der per E-Mail Ergebnisse verschickt? Gibt eine Schnittstelle zu einem CRM, das die Vertriebsmitarbeiter nutzen? Funktioniert ein Kundenportal, dessen Zugangsdaten nirgends dokumentiert sind? Solche Elemente werden bei Relaunches gerne übersehen, weil sie nicht im Hauptmenü sichtbar sind.

Inhaltliche Bewertung: Welche Inhalte sind noch aktuell, welche veraltet? Welche Texte ranken in Suchmaschinen und bringen organisch Traffic? Eine Keyword-Recherche auf Suchabsicht und Volumen zeigt, welche Seiten bei Google bereits Fuß gefasst haben und bei einer Umstrukturierung besonders geschützt werden müssen.

Technische Altlasten identifizieren, bevor sie in die neue Umgebung wandern

Alte Websites sammeln technischen Ballast: veraltete Plugins, selbstgeschriebener Code, versteckte Abhängigkeiten zu externen Diensten. Diese Altlasten zu ignorieren, bedeutet, sie ungeprüft in das neue System zu übernehmen – oder zu zerstören, ohne zu wissen, was sie leisteten.

Eine gründliche technische Analyse sollte folgende Punkte klären:

  • Welche Plugins oder Module sind aktiv, welche davon werden tatsächlich genutzt?
  • Gibt es selbstgeschriebenen Code, dessen Funktion niemand mehr erklären kann?
  • Welche externen Dienste sind angebunden (E-Mail-Versand, Zahlungsanbieter, Karten-Dienste, Social-Media-Feeds)?
  • Wie wird die Website aktuell gepflegt – und welche Prozesse müssen im neuen System nachgebildet werden?

Besonders bei älteren Websites finden sich Funktionen, die einmalig programmiert wurden und deren Budget längst vergessen ist. Wer sie nicht dokumentiert, muss sie später teuer neu entwickeln oder verzichtet unwissentlich auf eine wichtige Funktion. Themen wie Datenmigration und Workflows bei CMS-Relaunches verdienen deshalb frühzeitige Aufmerksamkeit.

URL-Struktur und Weiterleitungen: Der häufigste Fehler mit den teuersten Folgen

Die Änderung der URL-Struktur ist der klassische Ranking-Killer. Jede Seite, die bei Google indexiert ist, besitzt eine gewisse Sichtbarkeit. Wenn ihre Adresse verschwindet, ohne Weiterleitung einzurichten, verliert sie diese Sichtbarkeit – und mit ihr deren Besucher.

Vor dem Relaunch muss eine vollständige Liste aller bestehenden URLs erstellt werden. Für jede davon wird festgelegt:

  • Bleibt die URL identisch?
  • Ändert sie sich und benötigt eine permanente Weiterleitung (301)?
  • Fällt die Seite weg und benötigt eine Weiterleitung auf eine thematisch passende Alternative?

Weiterleitungen sind keine optionale Feinabstimmung, sondern Pflicht. Technisch müssen sie auf Server-Ebene oder über das Content-Management-System umgesetzt werden, nicht als JavaScript-Trickserei. Die Testphase muss jede einzelne Weiterleitung überprüfen, nicht nur stichprobenartig einige. Hundert kaputte Weiterleitungen bei tausend korrekten bedeuten hundert verlorene Eintrittspunkte.

Datenmigration: Was kommt mit, was bleibt zurück, wer prüft die Qualität

Inhalte migrieren sich nicht von selbst. Texte, Bilder, Downloads, Formulareinträge, Benutzerkonten, Kommentare – alles muss bewusst entschieden, übertragen und überprüft werden. Die häufigsten Fehler:

  • Unvollständige Übertragung: Nur die offensichtlichen Seiten werden migriert, Unterseiten oder spezielle Inhaltstypen vergessen.
  • Qualitätsverlust: Bilder werden nicht korrekt übernommen, Formatierungen zerstört, interne Links ungültig.
  • Fehlende Metadaten: SEO-relevante Titel, Beschreibungen oder Canonical-Tags gehen verloren.

Die Verantwortung für die Validierung liegt beim Auftraggeber, nicht bei der Agentur. Die Agentur übernimmt die technische Umsetzung, aber nur der Betreiber weiß, ob alle Inhalte vollständig und korrekt übernommen wurden. Ein strukturierter Abgleich vor dem Go-Live ist unverzichtbar.

Leadgenerierung und Conversion-Pfade während der Umstellung absichern

Die Website lebt nicht vom Design, sondern von den Handlungen, die Besucher ausführen. Kontaktformulare, Angebotsanfragen, Newsletter-Anmeldungen, Download-Registrierungen – jeder dieser Pfade muss im neuen System neu aufgebaut und getestet werden.

Kritische Fragen:

  • Funktionieren alle Formulare technisch und kommen die Anfragen im Zielsystem an?
  • Sind die Bestätigungsseiten und E-Mails vorhanden und verständlich?
  • Funktionieren Tracking-Codes und Analysetools weiterhin korrekt?
  • Sind die Zertifikate und Siegel, die Vertrauen aufbauen, auch im neuen Design erkennbar platziert?

Besonders gefährlich: Die Testphase findet oft mit Dummy-Daten statt. Erst im Live-Betrieb zeigt sich, ob das CRM die Anfrage tatsächlich entgegennimmt oder ob eine veränderte Feldbezeichnung die Schnittstelle unterbricht. Wer die Leadgenerierung während der Umstellung nicht explizit absichert, riskiert stille Ausfälle, die erst Wochen später auffallen.

Teststrategie und Rollback-Plan: Die Versicherung, die niemand abschließt

Jeder Relaunch braucht einen definierten Testprozess und einen Plan für den Fall, dass kritische Fehler nach dem Go-Live auftreten. Beides wird in der Praxis häufig stiefmütterlich behandelt.

Die Teststrategie sollte umfassen:

  • Funktionale Tests aller Formulare, Rechner und interaktiven Elemente
  • Darstellungstests auf verschiedenen Geräten und Browsern
  • Geschwindigkeitsmessungen unter Realbedingungen
  • Überprüfung aller Weiterleitungen
  • Test der Pflegeprozesse im Backend

Wer testet? Idealweise nicht dieselbe Person, die entwickelt hat. Unabhängige Tester finden Fehler, die Entwickler übersehen. Das Testbudget muss im Projektplan enthalten sein, nicht als nachträgliche Option.

Der Rollback-Plan definiert, unter welchen Bedingungen auf die alte Website zurückgeschaltet wird und wie schnell das möglich ist. Ein Rollback ist keine Niederlage, sondern eine professionische Risikobegrenzung. Wer keinen Plan hat, steht bei kritischen Fehlern hilflos da und verliert Stunden oder Tage, in denen die Website nicht funktioniert.

Anforderungsklärung vor dem Angebot: Wer nicht prüft, zahlt zweimal

Der größte Kostenfaktor bei Relaunches ist nicht das Design, sondern die nachträgliche Nachbesserung von Überraschungen. Eine gründliche Anforderungsklärung vor dem Projektstart verhindert, dass Funktionen erst im Laufe des Projekts teuer entdeckt werden.

Der Auftraggeber sollte vor der Angebotsaufforderung folgende Informationen zusammengetragen haben:

  • Vollständige Bestandsdokumentation der aktuellen Website
  • Liste geschäftskritischer Funktionen mit Priorisierung
  • Entscheidung zur URL-Struktur mit Begründung
  • Datenmigrationskonzept mit Verantwortlichkeiten
  • Testplan mit Budget und unabhängigen Testern
  • Rollback-Verfahren mit technischen Voraussetzungen

Wer diese Punkte in die Ausschreibung einbringt, erhält aussagekräftigere Angebote und vermeidet spätere Budgetüberschreitungen. Wer sie überspringt, zahlt oft das billigste Angebot mit den höchsten Gesamtkosten.

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Ein gelungener Relaunch ist kein gestalterisches Ereignis, sondern ein kontrollierter Technikwechsel. Die Investition in eine systematische Vorbereitung amortisiert sich durch vermiedene Ausfälle, verlorene Rankings und Nachbesserungen vielfach. Wer die Checkliste vor dem ersten Agenturgespräch durchgearbeitet hat, führt das Gespräch auf Augenhöhe – und versteht die Angebote, die er vergleicht.

Sollten bei der Vorbereitung Unklarheiten auftauchen oder die Beurteilung von Agenturangeboten Unterstützung erforderlich sein, kann eine unverbindliche Anfrage zur Klärung der nächsten Schritte hilfreich sein.

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